Header

Rückblicke

Mitglieder- und Presseberichte zu den Clavichordtagen der DCS

42. Clavichordtage der Deutschen Clavichord Societät

vom 22.–25. September 2016 in der Welschnonnenkirche Trier.


Clavichordtage Hechingen 2016 Vorschau

Welschnonnenkirche Trier, © Berthold Werner | Quelle: Wikipedia (Public Domain)

PDF des Gesamtprogramms der 42. Clavichordtage der DCS (1,8 MB)
42_Clavtage_Gesamtprogramm.pdf

Die Konzerte der Clavichordtage in Trier
von Thomas Bregenzer

Die Clavichordtage im kalendarisch herbstlichen aber klimatisch sonnig-sommerlichen Trier liegen hinter uns – eine lange Reihe schöner Erinnerungen an grandiose Konzerte und wunderbare Instrumente, zum Klingen gebracht von Mathieu Dupouy, Diez Eichler, Anne Galowich, Josef Still und Veit-Jacob Walter. Bereits im Jahr 2013 waren wir, als Exkursion von Schweich aus, zu einem Orgelkonzert in der barocken Welschnonnenkirche mit ihrer historischen Stumm-Orgel von 1757 zu Gast, nun beherbergte sie uns für das lange Wochenende vom 22. – 25. September.

Mathieu Dupouy spielte gleich zwei Konzerte, zur Eröffnung und zum Abschluss, unter der Überschrift “Musik aus England”. Am Donnerstag erklangen Werke von Händel, Johann Christian Bach und Beethoven („Rule Britannia“-Variationen) auf einem Clavichord nach Friederici (gebaut von Martin Kather) und einem Clementi-Tafelklavier (1810) aus der Sammlung Hansjosten. Am Sonntag konnten wir eine Auswahl von – teilweise hochvirtuosen – Stücken aus dem Fitzwilliam Virginal Book hören, gespielt auf zwei „frühen“ Clavichorden (nach Leipzig Nr. 1 von Volker Platte und nach Praetorius von Matin Kather). Insbesondere nach diesem letzten Konzert fragte man sich, warum diese Musik sonst nur äußerst selten auf Clavichorden vorgestellt wird.

Der Freitag wurde zum DiezTag – Diez Eichler hatte gleich zwei umfangreiche Programme an diesem Tag, einen Vortrag „Vom Hexachord zum Modus – das musikalische Grundverständnis des 16. und 17. Jh.“ und ein Clavichordkonzert zum 400. Geburtstag von Johann Jacob Froberger, in dem er sich in vielfältiger und höchst ansprechender Weise der bei Froberger häufig anzutreffenden Vortragsbezeichnung „avec discrétion“ näherte, unterstützt durch reichhaltiges Quellenmaterial. Am Abend war Domorganist Josef Still mit einer Auswahl selten oder nie aufgeführer Barockmusik auf der Stumm-Orgel zu hören, bevor wir dann die Gelegenheit hatten, ihn zum Dom zu begleiten – zu einem weiteren Jubiläumskonzert mit Werken von Max Reger, höchst nuancenreich vorgetragen von „nahezu unhörbar“ bis zum donnernden Finale der berühmten Morgenstern-Fantasie. Aber selbst damit war der Tag noch nicht beendet, hatten wir doch nach dem Konzert die Möglichkeit, mit dem Organisten bei reichlich fließendem Freibier aus der – man möchte fast schreiben: Reger-Brauerei, es ist aber die – Gambrinus-Brauerei aus Weiden in der Oberpfalz anzustoßen. Der Besuch des Reger-Konzerts war allerdings die „Zugangsvoraussetzung“ zum Freibier, was für einige Clavichordisten eher den Gang durchs Fegefeuer darstellte, wodurch erst die himmlischen Freuden des Bierfasses zugänglich wurden.

Am Samstagnachmittag warf uns das Programm um fünf Jahrhunderte zurück – in ein Konzert, in dem Veit-Jacob Walter uns mit spätmittelalterlicher Musik aus Italien vertraut machte, meisterhaft gespielt auf einem spätmittelalterlichen Clavichord (Pierre Verbeek), einem Clavisymbalum und einer Organo Portativo (beide Instrumente von Gregor Bergmann). Zuvor, am Samstagvormittag, lud Heiko Hansjosten ein zur Führung durch seine (und die seines Bruders Ralf) Sammlung historischer Tasteninstrumente ins barocke Küsterhaus nach Föhren.

„Yin & Yang” war das Motto von Anne Galowichs Abendkonzert, in dem sie Musik aus dem Notenbüchlein für Anna Magdalena Bach (Früh-Fassung der Partita Nr. 3, aber auch kleinere Tanzsätze) mit Musik aus Frankreich und Norddeutschland bzw. den Niederlanden kontrastierte, stürmisch bewegt, mit größter Vehemenz gespielt auf zwei Specken-Kopien von Joris Potvlieghe. Anne durfte erst nach zwei Zugaben den tobenden, bis zum letzten Platz ausverkauften Saal verlassen.

Wie bei allen vorherigen Clavichordtagen hatten wir auch in diesem Jahr wieder eine Vielzahl von Instrumenten in der begleitenden Ausstellung, von der Rekonstruktion eines spätmittelalterlichen Clavichords bis hin zu einem Originalinstrument von ca. 1830/40 aus der Sammlung Hansjosten. Sigrun Stephan war es wieder einmal mit nur einem Minimum an Vorbereitungszeit (einfach, weil es eigentlich bis zum Festivalbeginn nicht ganz klar ist, welche Instrumente schließlich mitgebracht werden) gelungen, für alle Instrumente ein passendes Musikstück auszuwählen. Nachdem die Clavichordbauer ihre Instrumente vorgestellt hatten, wurden diese dann jeweils von Sigrun auf musikalische Weise meisterlich präsentiert.

Zurück zum Seitenanfang



41. Clavichordtage der Deutschen Clavichord Societät

vom 15.–18. Oktober 2015 in der Villa Eugenia, Hechingen.


Clavichordtage Hechingen 2015 Vorschau

Villa Eugenia, Foto: Christoph Schanze.

PDF des Gesamtprogramms der 41. Clavichordtage der DCS (1,5 MB)
41_Clavtage_Gesamtprogramm.pdf

Presseschau

Unter den Besuchern der Clavichordtage durften wir auch einige Mitarbeiter der lokalen Presse begrüßen und freuen uns, die erschienenen Berichte in der „Hohenzollerischen Zeitung” und dem „Schwarzwälder Bote” nun hier verlinken zu können:

Clavichordtage Hechingen 2015, Presseschau

Die Konzerte der Hechinger Clavichordtage
von Stefan Seyfried

Als ich am 15. Oktober in fast letzter Minute zur Villa Eugenia nach Hechingen kam, ahnte ich noch nicht, dass ich dazu erkoren sein sollte, über die Konzerte zu berichten. Es dauerte nicht lange und schon hatte mich das magische Flair der Clavichordtage in seinen Bann gezogen. Die rührende Begrüßung und die Hilfsbereitschaft aller, wobei der regionale Dialekt seine Wirkung nicht verfehlte, taten ihr Übriges. Vielleicht erklärte ich mich deswegen sofort dazu bereit, diesen Job zu übernehmen.

Das erste Konzert war der Musik der Renaissance gewidmet. Alfred Gross, bei der DCS bestens bekannt als Gründungsmitglied sowie als Ex-Präsident, erwies sich als versierter und intelligenter Interpret des Eröffnungskonzertes. Es war offensichtlich, dass die jüngste Beschäftigung des Künstlers mit der Cembalomusik des späten Mittelalters und der Renaissance sowie insbesondere mit deutschen Tabulaturen hier ihre Früchte trug. Er brachte sein Renaissance-Cembalo sowie sein historisches Clavichord (Leo, um 1680 in Augsburg erbaut) mit und erfreute uns mit Werken aus Tabulaturen von Bonifatius Ammerbach (1495–1562), Fridolin Sicher (1490–1521) und Clemens Hör. Zu Beginn erklang das Renaissance-Cembalo, ein Instrument nach italienischen Vorbild, mitteltönig gestimmt und somit für diese Art von Musik wie geschaffen. Der volle Klang dieses Instruments zeigte die Schönheit der Musik dieser Epoche aufs Beste. Das von Matthias Griewisch erbaute Instrument nach dem Vorbild des Italieners Dominicus Pisaurensis aus dem 16. Jh. erfüllte den (übrigens akustisch bestens geeigneten) Raum mit einer nicht geahnten Klangfülle, was sicherlich auch daran lag, dass dieses Cembalo mit Aliquotsaiten versehen ist, die den Eindruck einer räumlich noch größeren Akustik entstehen lassen.

Zarte intime Klänge erwarteten uns mit dem Clavichord. Dieses in großen Teilen original erhaltene Instrument begann unter den Händen von Alfred Gross quasi zu sprechen und teilte dem Publikum in einer außergewöhnlichen Weise Weisen längst vergangener Zeiten mit. Die reinen Terzen des historischen Instrumentes ließen die ausgewählten Stücke in einem ganz besonderen Licht erscheinen. Die Intavolierungen aus diesen Tabulaturen wurden von Alfred Gross allesamt sowohl virtuos als auch musikalisch anspruchsvoll interpretiert und auch die Erklärungen zwischen den einzelnen Blöcken müssen lobend erwähnt werden.

Clavichordtage Hechingen 2015, Alfred Gross

Zurück zum Seitenanfang

„Empfindsamkeit und Frühromantik“, so lautete der Titel des Nachmittagskonzertes am Freitag, den 16. Oktober, um 14:00 Uhr. Miklós Spányi führte uns dann tatsächlich in die Zeit um 1750 bis zur Jahrhundertwende. Dem Wunsch des Präsidenten der Societät, diesmal nicht Carl Philipp Emanuel Bach zu spielen, kam der international renommierte Künstler nach, wenn auch in den interpretierten Werken Carl Philipps Geist allgegenwärtig war.

Am Anfang erklang die Sonate g-moll, op. 1 Nr. 2 von Johann Gottfried Eckard (1735–1809). Diese 1763 erschienene Sonate mit den Sätzen Allegro con spirito – Andante – Presto verzauberte das Publikum auf angenehme Weise, wozu sicherlich neben der Akustik der Rotunde in der Villa auch das exzellente Instrument beitrug, das von Joris Potvliege zur Verfügung gestellt wurde. Dieses Clavichord, das sich sowohl durch satte Bässe als auch durch den tragenden Diskant und die singende Mittellage auszeichnet, wurde dem sogenannten „empfindsamen Stil” vollauf gerecht, wobei auch Werke aus der Zeit des Sturm und Drang vorzüglich darauf klingen. Interessanterweise lässt sich das Œuvre Eckards mit dem Clavichord am allerbesten darstellen, obwohl zu der Zeit in Paris kaum jemand Clavichord spielte. Die Instrumente der Stunde waren der Flügel (Cembalo) oder aber das neu aufkommende Fortepiano. Eckard, von Beruf Notenstecher und ein talentierter Maler, soll sich das Clavierspiel selbst beigebracht haben. Als Anleitung diente ihm das Buch „Versuch über die wahre Art, das Clavier zu spielen”, wodurch wir wieder den Bezug zu Carl Philipp Emanuel Bach herstellen können.

Carl Friedrich Christian Fasch (1736–1800), der Begründer der Berliner Singakademie und Sohn von Johann Friedrich Fasch, stand als nächstes auf dem Programm. Geboren wurde er in Zerbst, also in dem Ort, wohin Carl Philipp Emanuel Bach während des Siebenjährigen Krieges im September 1758 aus Berlin vor den heranrückenden feindlichen Truppen floh. Während seines nur wenige Monate dauernden Aufenthaltes in Zerbst bei Johann Friedrich Fasch sind einige seiner schönsten Claviersonaten entstanden. Doch nicht nur deshalb kann die Verbindung Bach – Fasch hergestellt werden. Auch Faschs Vater soll Schüler von Johann Sebastian Bach gewesen sein und neben Carl Philipp Emanuel Bach war ebenso Carl Friedrich Christian Fasch Hofcembalist in der Hofkapelle bei Friedrich II., später sogar Hofkapellmeister. Sicherlich kam er also mit der Musik Carl Philipp Emanuels in Berührung, denn beide waren auch gut miteinander befreundet. Zuerst erklangen von Fasch die zwei Charakterstücke La Socrates sowie La Clarisa. Die vielen imitierenden Einsätze unterstrichen den akademischen Gustus dieses ersten Stückes in gelehrter Manier. Das zweite Stück erschien im lieblichen Stil, wobei die Clarisa durchaus auch energisch und zupackend sein konnte, wie man hörte. Die anschließende, 1770 erschienene Sonate in C-Dur mit der Satzfolge Allegro – Adagio – Presto wurde von Spanyi in jederlei Hinsicht transparent, aber auch virtuos vorgetragen. Hervorzuheben sind die wie improvisatorisch wirkenden Rezitative zwischen den Sätzen.

Friedrich Wilhelm Rust (1739–1796) war der vorerst letzte Komponist, der in diesem Konzert zu hören war. Obwohl er in der Zeit von Haydn, Mozart und Beethoven lebte, wies seine Musik bereits weit in die Zukunft. Rust war unter anderem Schüler von Wilhelm Friedemann Bach und Carl Philipp Emanuel Bach und war später als Nachfolger von Johann Friedrich Fasch, dem Vater des vorher gehörten Komponisten, zum Hofmusikdirektor und Theaterleiter in Dessau tätig. Hier wurde offenbar, warum die Überschrift dieses Konzerts „Empfindsamkeit und Frühromantik” hieß. Die von Miklós Spányi vorgestellte Sonate in D-Dur C.12, mit der Satzbezeichnung (Allegro) – Rondo deutet offensichtlich schon auf die heraufziehende Romantik hin. Die harmonische Farbigkeit, sowie die melodisch größeren Spannungsbögen ließen Bezüge zu Schubert erkennen. All dies wurde vom Interpreten in äußerst delikater Form präsentiert und den Zuhörern somit ein Genuss ganz besonderer Art beschert. Dem lang anhaltenden Beifall folgte als Zugabe ein Allegro von Johann Philipp Kirnberger.

Clavichordtage Hechingen 2015, Miklós Spányi

Zurück zum Seitenanfang

Das zweite Konzert von Alfred Gross am Freitagabend stand unter der Überschrift „Tastenmusik aus deutschen Tabulaturen”. Auch hier kamen wieder sein Renaissance-Cembalo sowie das Renaissance-Clavichord zum Einsatz. Den Beginn machte Alfred Gross mit Werken aus dem Tabulaturbuch des Leonhard Kleber. Dieser lebte von ca. 1495 bis 1556 und das Tabulaturbuch entstand zwischen 1520 und 1524 in Pforzheim. Unter Anderem kamen Intavolierungen von Heinrich Isaac, Hans Buchner und Paul Hofhaimer sowie von anonymen Komponisten zum Vortrag. Das gewählte Instrument (Cembalo) wurde von Alfred Gross meisterlich beherrscht und die Werke der Renaissance entführten das aufmerksame Publikum in eine ferne Epoche.

Die Umstellung des Interpreten vom Cembalo auf das nun gewählte Clavichord verlief reibungslos. Es begann mit dem Werk „Ach Gott was soll ich singen” von Ivo de Vento (1543/45–1575). Dieses Werk ist aus dem Tabulaturenbuch des Elias Nicolaus Ammerbach, der von 1530 bis 1597 lebte und erschien in Leipzig 1571. Jakob Paix, er lebte von 1556 bis ca. 1623, erstellte 1571 in Lauingen ein Tabulaturbuch. Daraus waren in diesem Abschnitt fünf Stücke zu hören. Neben zwei anonymen Vertonungen – konkret zwei Gagliarden – gefielen vor allem das dynamische, sehr fein vorgetragene „Bonjour mon Cœur” von Orlando di Lasso (1532–1594) sowie die sehr dicht komponierten Stücke „Lauf mein lieber Liendel” und „Der Liendel alle Tag”. Mit einer Gagliarda Terza eines anonymen Meisters, in der bereits die moderne seconda prattica Einzug hielt, und dem „Anchor che col partire” von Cypriano de Rose (1515/16–1565) in dem schon der Geist des Barock spürbar war – zwei Stücke aus dem Tabulaturbuch des Bernhard Schmid d. J. (1567–1625), erschienen 1607 in Strassburg –, schloss der Mittelteil, der dem Clavichord gewidmet war.

Kräftige, rauschende Klänge überströmten die Zuhörerschaft nun mit dem Cembalo aus der Werkstatt von Matthias Griewisch. Zuerst erklang Musik des Gabrieli-Schülers Jakob Hassler (1569–ca. 1623?), einem Bruder des Nürnbergers Hans Leo Hassler. Jakob wirkte auch bei Eitel Friedrich von Hohenzollern in Hechingen und hatte somit einen Bezug zur Örtlichkeit. Sein hörenswertes Ricercar, meisterlich gespielt von Alfred Gross, ist in der Turnier-Tabulatur notiert, ebenso das später zu hörende „Ricercar del secondo tuono”, bei dem die Themen durch den Interpreten transparent durch alle Stimmen geführt wurden. Von Leonhard Lechner (1552–1606), welcher der Lehrer von Hassler in Nürnberg war und der ebenfalls wie Hassler kurze Zeit in Hechingen wirkte, kam das Stück „Gott b’hüte dich” zu Gehör. Trotz einiger Schwierigkeiten mit einer flackernden Beleuchtung ließ sich der Künstler bei der hervorragenden Auslegung dieser Motette nicht irritieren. Dieses und die abschließenden acht Spruchmotetten, ebenfalls von Leonhard Lechner (Alles auf Erden – Heint frisch, wohlmächtig – Wenn sich erschwinglich – Wir Menschen reisen – Was jetzt im Laufen – In Gottes Hände – Sein Hand wird retten – Nach diesem Leiden), sind im Hechinger Clavierbuch notiert (Reutlingen 2015). Die Intavolierungen dieser Motetten stammen allesamt von Alfred Gross, der mit dieser Arbeit die Kunst der Renaissance wieder aufgriff und auf kongeniale Weise die Stücke be- und ausarbeitete. In seiner Interpretation konnte man sowohl Textausdeutung sowohl durch Ornamentik und Diminutionstechnik bewundern als auch meisterlich gesetzte Floskeln in den modalen Kadenzen. Großer Applaus für einen großen Künstler.

Clavichordtage Hechingen 2015, Rotunde (Konzertsaal) der Villa Eugenia

Zurück zum Seitenanfang

Das Samstagabendkonzert durfte wieder Miklós Spányi bestreiten. Auf dem wunderschönen Instrument von Joris Potvliege spielte er eine Sonate des Dessauer Hoforganisten Gottlieb Friedrich Müller, dessen Lebensdaten leider nicht bekannt sind. Man weiß aber, dass er der Lehrer von Friedrich Wilhelm Rust war und dass Johann Gottlieb Goldberg wahrscheinlich ein Lehrer Müllers war. Hier zu hören war die Sonate in C-Dur, erschienen 1762, mit den Sätzen Allegro – Andante – Presto – Menuetto – Polonoise aus: „Six Sonates pour le Clavecin …” (Breitkopf/Leipzig 1762). Die sechs dem Anhaltiner Fürsten gewidmeten Sonaten stehen in den Tonarten A-Dur (Sinfonia oder Sonata), C-Dur, a-moll, B-Dur, D-Dur und c-moll. Die hier gespielte Sonate ist die einzig fünfsätzige und trotz ihrer Länge verstand es Müller, die Komposition abwechslungsreich zu gestalten. Unter den Händen Miklós Spányis konnten sie hier in Hechingen in der Villa Eugenia das Publikum berühren und in Erstaunen versetzen.

Ein weiterer, weitgehend unbekannter Komponist ist Wilhelm Christoph Bernhard (1760–1787). Höchstwahrscheinlich war er ein Schüler von Johann Nikolaus Forkel und schon zu Lebzeiten als sehr guter Interpret der Werke Johann Sebastian Bachs bekannt. Bernhard studierte in Göttingen und wurde auch hier als Universitätsorganist Nachfolger von Forkel. 1785 brachte er im Selbstverlag ein Präludium in F-Dur, sowie drei Sonaten für Clavier heraus. Das von Miklós Spányi hier gespielte Präludium erinnerte stark an eine zweistimmige Invention von Johann Sebastian Bach – nur viel, viel länger und voller harmonischer Überraschungen. Die anschließend zu hörende Sonate in B-Dur steht ganz im galanten Stil, viersätzig angelegt, was zu dieser Zeit bereits ein Novum war, mit der Satzfolge: Allegretto – Largo – Tempo di minuetto – Rondo. Bernhards Tonsprache war der Norddeutschen Tradition verhaftet, aber ebenso waren ihm die süddeutschen Komponisten ein Vorbild. Ohne irgendwie epigonal zu wirken, schaute er sich die Kompositionsweisen seiner Vorbilder an, ging dann aber seine eigenen Wege. Man kann durchaus behaupten, dass, wenn Bernhard nicht schon so früh gestorben wäre, die Musikgeschichte mehr Notiz von ihm genommen hätte. Ein Komponist, den es lohnt (wieder) zu entdecken. Miklós Spányi atmete hier förmlich die Musik und das Publikum war gebannt von der Dichte ihrer Klänge.

Johann Nikolaus Forkel (1749–1818), der wahrscheinliche Lehrer von Bernhard und Enkelschüler J. S. Bachs, stand am Ende des Programms mit seiner gefälligen, 1778 erschienenen Sonate in F-Dur mit den Sätzen Allegretto grazioso – Andante – Vivace. Es ist vielleicht für viele erstaunlich, dass Forkel zudem mehrere Lieder und Kantaten, sowie zahlreiche Clavierwerke und auch Orchesterwerke komponiert hat. Die hier zu hörende Sonate V aus der ersten Sammlung von sechs Claviersonaten beginnt im 2/4-Takt. Ein unspektakuläres Allegretto, handwerklich sauber gearbeitet. Dem folgt ein liebliches, lyrisches Andante mit einer leicht wiederzuerkennenden Melodie. Zum Schluss das Vivace: kurz, knackig, ungestüm, durch das ostinate Motiv im Bass und die typisch norddeutsch pochenden Bässe geprägt. Vielleicht der stärkste Satz dieser Sonate. Von Miklós Spányi virtuos in Szene gesetzt, war es ein richtiger „Rausschmeißer”. Belohnt wurde der Künstler durch langanhaltenden Beifall, so dass er um zwei Zugaben nicht herum kam. Diese Zugaben waren der Entdeckung des Abends gewidmet. Als erste Zugabe erklang aus der 2. Sonate C-Dur der 1. Satz, als zweite Zugabe dann Adagio und Menuett, natürlich von Wilhelm Christoph Bernhard …

Clavichordtage Hechingen 2015, Thomas Leininger

Zurück zum Seitenanfang

Die letzte Konzertveranstaltung der Hechinger Clavichordtage fand als Matinee am Sontag um 11:00 Uhr statt. Thomas Leininger, ein aufstrebender junger Künstler, konnte dafür gewonnen werden. Sein Konzert stand unter der Überschrift: „Der junge Mozart” und schon im Vorfeld möchte ich verraten, dass die Art und Weise wie Thomas Leininger das Clavichord beherrscht, erfrischend und bezaubernd ist. Hier hört man den historisch informierten Künstler, bei dem trotz oder oder gerade wegen allen Historismus’ auch für den Laien ein zwingend befriedigendes, oft auch überraschendes oder magisches Hörerlebnis zustande kommt. Dass nicht nur Werke Wolfgang Amadé Mozarts zu hören waren, sondern dass Wegbegleiter, Vorbilder und Freunde, die für den jungen Mozart wichtig waren, ebenfalls „zu Wort kamen”, machte das Flair dieses Konzerts aus. Dazwischen moderierte Thomas Leininger kurzweilig mit interessanten, wissenswerten Beiträgen. Das Instrument, auf dem er spielte, war sein eigenes, ein von Andreas Hermert 2013 fertiggestelltes Clavichord mit silbrig-feinem Klang und sowohl differenzierten als auch homogenen Registerfarben.

Als der sechsjährige Mozart 1762 am Wiener Kaiserhof Proben seines Könnens gab, soll er gesagt haben: „Ich spiele jetzt ein Concert von Ihnen. Sie müssen mir umwenden!” Gemeint war der damalige „Hofcompositeur” der Kaiserin Maria Theresia: Georg Christian Wagenseil (1715–1777). Von ihm spielte Thomas Leininger zu Beginn das Divertimento Secondo mit den Sätzen: Prelude – Allegro – Menuet und Trio – Allegro. Die Tatsache, dass Mozart Wagenseil spielte, zeigt, dass er seine Musik schätzte. Das vorgetragene Stück stand ganz im Stil der Wiener Vorklassik und wurde von Thomas Leininger stilgerecht interpretiert.

Anschließend durfte Meister Wolfgang Amadé selbst „zu Wort kommen”. Seine drei frühen Klavierstücke KV 1, Allegro; KV 3, Allegro und KV 2 Menuett, komponiert wahrscheinlich im Alter von sechs/sieben Jahren, zeugen schon von einer hohen Kenntnis der Kompositionstechnik und wurden dem Publikum leicht wie „Salzburger Nockerl” serviert. Das sich nun anschließende Preludium stammte wieder von Wagenseil, wonach ein wiederum fast vergessener Komponist gespielt wurde: Anton Cajetan Adlgasser (1729–1777) kam mit einem Allegro assai zu Gehör. Adlgasser war ein Schüler von Johann Ernst Eberling und wurde Domorganist, später auch noch Hoforganist zu Salzburg. Studien führten ihn nach Italien. 1777 wurde er Opfer eines Schlaganfalls in Ausübung seines Dienstes als Hoforganist, während eines Vespergottesdienstes in Salzburg. Er war mit der Familie Mozart befreundet und im Notenbuch für Maria Anna (Nannerl) Mozart sind auch Stücke von ihm enthalten. Sein Nachfolger wurde 1779 … Wolfgang Amadeus Mozart. Adlgassers Werk umfasst neben Kirchenmusik unter anderem auch zahlreiche Instrumentalwerke, Singspiele, Dramen, eine Oper, sowie eine Kompositionsanweisung (Fundamenta compositionis). Das von Leininger vorgestellte Allegro assai, ganz im Stile Mozarts zeigt, welche Vorbilder der junge Mozart hatte.

1764 komponierte Mozart, bzw. vollendete er in Paris eine Reihe von Sonaten, die er wahrscheinlich zusammen mit seiner Schwester auf der Paris-Reise vorstellte. Sie sind eingerichtet für Violine und Clavier, wobei der Hauptteil vom Tasteninstrument zu tragen ist. Höchstwahrscheinlich wurden diese Sonaten von Wolfgang zusammen mit seiner Schwester Nannerl aufgeführt. Vor allem im zweiten Satz dieser hier gehörten Sonate in D-Dur KV 7 überrascht Mozart mit einer Expressivität, die man einem Achtjährigen nie zugetraut hätte. Thomas Leininger verzauberte mit seinem Vortrag das Publikum, auch die Einrichtung für Clavier allein oblag dem Interpreten. Man kann sagen, dass man hier die Violine in keinster Weise vermisste. Ein rundum gelungener Vortrag, bei dem man nachvollziehen konnte, wie und warum damals das Pariser Publikum von der Musik Mozarts begeistert war.

Johann Christian Bach (1715–1782), der sogenannte Londoner Bach, von dem Mozart große Stücke hielt, stand anschließend auf dem Programm. Die beiden Künstler schätzten sich, was in einigen erhaltenen Briefen Mozarts nachzulesen ist. Seine Sonate in G-Dur, op. 5/3 wurde hier dargeboten. Das Werk ist zweisätzig: Allegro – Allegro con variazioni. Zu bemerken ist dazu, dass Mozart einige Sonaten von Bach als Klavierkonzert bearbeitet hat, nämlich op. 5/2 in D-Dur, op. 5/3 in G-Dur und op. 5/4 in Es-Dur. Die hier vorgestellte Sonate ist eine davon. Bei Mozart kann man die Klavierkonzerte unter KV 107 finden. Dass Mozart diese Sonaten auswählte, wird deutlich, wenn man die Originale hört. Die Orchestrierung ist eigentlich schon in die Klavierstimme mit hineinkomponiert. Die transparente Artikulation, die durch Leininger am Clavichord zutage trat, ließ jedenfalls kein Orchester vermissen.

Last but not least kam Mozart noch einmal selbst zu Gehör. Die drei vorgestellten Stücke KV 15 q, v, hh stammen aus dem sogenannten „Londoner Skizzenbuch”, außerdem spielte Leininger das Rondo (Sonate KV 19), ein ursprüngliches Werk zu vier Händen, das der Interpret für 2 Hände umarrangiert hat. Im Skizzenbuch sieht man viel Unvollständiges, viele Versuche des achtjährigen Mozart. Doch die hier gespielten Stücke strotzten vor Esprit und Einfallsreichtum. Auch das Rondo geriet unter Leiningers Händen zu einem Konzerterlebnis ersten Ranges.

Riesenapplaus auch für diesen begabten Künstler. Als Zugabe ließ er eine kleine Schweizer Komposition von Mozart erklingen.



Zurück zum Seitenanfang